FOOD KOLUMNE Nr. 16 | Das Kleiderwunder

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In den vergangenen 30 Jahren durfte ich immer wieder neue Kleider kaufen. Alle Jahre wieder, in schöner Regelmässigkeit begannen die vorhandenen mich zu drücken, zu zwicken und unbequem zu sein. Auch im Spiegel hatten sie sich verändert. Meine Jackets die früher faltenlos passten, schön glatt fielen, hatten plötzlich Rümpfe an Stellen wo diese nicht hingehören. Also blieb mir nichts anderes übrig als Neue zu kaufen. Gab ich die Schuld in den ersten Jahren dem Kleiderladen und dessem Verkäufer merkte ich schnell mal, dass auch der nächste Laden und sein Personal nicht besser waren. Also musste es an etwas anderem liegen. Wahrscheinlich an den Materialien. Denn früher passten mir die Anzüge über ein Jahrzehnt perfekt. Weder die Hemden sind bei der Wäsche, noch die Anzüge in der Reinigung eingegangen. Nie hatte ich Probleme die Hemdenknöpfe zu schliessen, auch die Jacken liessen sich immer zu knöpfen. Meine Liebste bestand darauf, dass sie nichts zu heiss gewaschen habe und die Reinigung behauptete, dass bei ihnen nichts eingehe, der Kleiderladeninhaber erklärte seine Kleider als tadellos, also gab es nur noch eine Erklärung auf die ihr sicher schon lange gekommen seid: Mein Bauch war angeschwollen. Langsam, schleichend, Gramm um Gramm, Kilo um Kilo. Mit dreissig war ich immer noch schlank, mit vierzig hatte ich einen Wohlstandsbauch, mit fünfzig empfand ich mich als dick und mit sechzig … !

Ja so war’s. Ich wurde immer runder und die Kleider immer grösser. Das einzige Kleidungsstück das perfekt blieb waren die Krawatten. Ja die Krawattenhersteller, die haben einen drauf. Da muss man nicht fortwährend bei jeder Gewichtsveränderung eine Neue kaufen. Die haben andere Tricks. Ein Jahr produzieren sie schmale Binder. Dann wieder breite. Kaufst du keine Neuen, fragen dich alle ob du das Ding aus der Altkleider-Sammlung gefischt hast. Das nächste Problem mit diesen farbigen Stoffstreifen ist der Trageort. Oft habe ich mich gefragt was für ein Marketing-Genie diese unnötigen Fetzen genau dort platziert hat. Wie Zielscheiben für Saucen hängen sie exakt an der Stelle wo beim Essen die Tropfen fallen. Aha, schon wieder mitten ins Schwarze getroffen und mein Schatz wusste täglich was ich am Mittagstisch gegessen hatte. Um den Mund damit abzuputzen sind sie zu klein. In der heutigen Zeit, mit den lausigen Papierservietten wäre ich um ein gutes Stück Stoff manchmal froh.

Doch zurück zu den nützlicheren Kleidungsstücken. Die machten also über Jahre mit mir was sie wollten. Nur Neu mussten sie sein, sonst verweigerten sie mir ihren Dienst und liessen sich nicht mehr schliessen. Neue Kleider zu kaufen machte auch immer weniger Spass. Denn schon lange wollte ich bei der Anprobe nicht mehr in den Spiegel schauen. Die hatten in den Geschäften so neumodische Dinger in denen ich immer dicker ausschaute, irgendwie formlos. Wer will sich denn sowas ansehen und für die schlecht sitzenden Tücher auch noch Geld ausgeben. Eigentlich unverständlich, denn verkaufsfördernd ist das nicht. Das war früher auch anders, da sah man in den Kleiderladen Spiegeln immer schlanker aus als man war. Wie ein Model eben.

Seit einigen Wochen hat sich irgend etwas verändert. Begonnen hat alles mit unserer Waage. Wurden die Zahlen in den letzten Jahrzehnten immer höher, sind diese plötzlich nur noch niedriger. Zuerst meinte ich die Waage sei kaputt oder bräuchte neue Batterien. Gleichzeitig wurden die Kleider bequemer, weiter, zwicken nicht mehr überall und alte Kleider passen wie früher die Neuen. Ein Wunder ist geschehen.

4 Kommentare

  1. ich habe dieses Wunder die letzten 9 Monate auch erlebt. Mittlerweile passen aber die laten kleider nicht mehr und ich muss anfangen alles zu ersetzen. Aber es macht irrsinnig Spass, wenn man wieder im normalen Geschäft einkaufen kann und nicht im XXL Geschäft suchen muss. (Y)

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