FOOD KOLUMNE Nr. 59 | Sophie Wilhelmine Scheibler

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Jens und Maren, zwei Freunde aus Schleswig-Hohlstein, brachten vor einigen Jahren bei ihrem Besuch ein Kochbuch als Geschenk für mich mit. Die beiden sind seit über 40 Jahren sehr gute Freunde, aber da wir uns doch nur alle paar Jahre treffen gibt es Eigenschaften die wir von einander nicht kennen, nicht kennen können. So habe ich meinen lieben Freunden nie erzählt dass ich nicht gerne beschenkt werde. Ich bin in einem Alter in dem man alles notwendige besitzt. Man muss mich sehr gut kennen um mir mit Geschenken eine Freude zu bereiten. Mich für ein Geschenk das ich nicht mag zu bedanken fällt mir unglaublich schwer, ist mir sogar fast unmöglich. In solchen Momenten möchte ich am liebsten anstelle eines Dankeschön sagen: „Das kann ich nicht brauchen, nehmt es doch wieder mit.“

Das besagte Kochbuch, wurde mir mit viel Freude, stolz und den Worten: „Lieber Bernhard, da haben wir etwas gefunden das wir einfach für dich erstehen mussten“ überreicht. Mein erster Blick auf das Buch liess mich erschauern, es war ein Buch das gute 100 Jahre auf dem Buckel hatte, ein Buch das kaum Rezepte beinhaltet die mich interessieren. So bekam Maren die obligaten Dankesküsschen und Jens ein gemurmeltes „Danke, werde es mir in Ruhe ansehen.“

Zu meiner Entschuldigung möchte ich erwähnen, dass ich damals beruflich sehr engagiert war und einfach wenig Zeit – vor allem für nicht notwendiges hatte. So machte das Buch nach Abreise der Freunde den weg aller meiner Kochbücher. Direkt in das dafür vorhergesehene Küchenschrank Abteil und lag dort seit Jahren perfekt gelagert unter andern, ebenfalls nie betrachteten Buchexemplaren. Bei guter Temperatur und Raumfeuchtigkeit durfte es neben Büchern von Escoffier, Bocuse, Weinbüchern von Parker und vielen weiteren mit Rezepten bedruckten Seiten sein unbenütztes Leben fristen.

Vor einigen Wochen habe ich im Zusammenhang mit einem meiner Lieblingsblogs „Landidylle“ nach einem bestimmten Thema gesucht. Keine Ahnung wo ich entsprechendes finden könnte betrachtete ich einen Teil meiner Bücher von vorne bis hinten. Dabei kam auch obgenanntes Buch wieder einmal in meine Hände und zum ersten mal begann ich darin zu Blättern und schaute es in Ruhe an. Verlegt 1861 von einem Verlag in Leipzig & Berlin sind Schrift, Sprache, Kochtechnik und Bilder Belege der Zeit vor Beginn der Industriellen Revolution. Eine Epoche in der Küchenmaschinen nicht existierten und mit einfachsten Mitteln in der Küche gearbeitet wurde. Eine Zeit in der die Flüssigkeitsmengen im Preußischen Quart und das Pfund in Hamburg 29 Loht, in Österreich jedoch deren 36 hatte. Ein Loht wiederum entsprach einem gehäuften Esslöffel Mehl. Herausgegeben von Sophie Wilhelmine Scheibler.

Das Buch muss vor etwa hundert Jahren neu gebunden worden sein. Zwischen den bedruckten Seiten sind auch handgeschriebene Rezepte in altdeutscher Schrift eingebunden. Zerissene Seiten aufwändig geklebt, das Buch muss jemandem sehr viel bedeutet haben. Auch für mich begann sich nun sein Stellenwert zu verändern. Das über Jahre im dunkeln des Küchenschranks parkierte, ungeliebte Buch wurde über die letzten Tage zu einem spannenden und immer interessanteren Objekt. Es wurde mir bewusst dass ich nicht einfach ein Kochbuch sondern eine kleine Kostbarkeit als Geschenk erhalten hatte für die ich mich damals nicht richtig bedankt hatte. Im Gegenteil, ich hatte mich sehr Rüppelhaft verhalten und es ist ein Wunder dass die Freundschaft erhalten blieb. Glücklicherweise konnte ich diese Woche – spät aber doch noch – meiner soeben erwachten Freude an diesem Kochbuch Ausdruck geben. Meine Freunde freuten sich über meinen Anruf und lachten über meine gestammelte Entschuldigung. Diese spontane Kontaktaufnahme war nur Dank Antonio Meucci und Graham Bell möglich. Die beiden haben exakt zu der Zeit, da dieses Buch gedruckt wurde das Telefon erfunden.

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8 Kommentare

  1. Lieber Bernhard, was für eine schöne Geschichte direkt aus dem Leben. Und wirklich, mit dem Buch wurde offenbar gelebt. Gut, dass Du auf diesem Umwege dazu gekommen bist, Dich damit etwas zu befassen.
    Ganz liebe Grüße, Oli

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