FOOD KOLUMNE Nr.63 | Wohlstandsidiotie

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In den 50er-Jahren war Fleisch bestenfalls am Sonntag auf dem Tisch. In manchem Haushalt wurden die Rappen, Pfennige oder Schillinge täglich gezählt um zu sehen ob das Geld für das nächste Essen genügt. Dies war auch bei uns zu Hause sowie in manchem Haushalt von Freunden und Bekannten an der Tagesordnung. Hartes Brot wurde zu Brotauflauf verarbeitet oder als sogenannte Brotrösti aufgebraucht (das dünn geschnittene Brot in Butter und Zucker angeröstet, mit Apfelstücken und Rosinen langsam gegart). Wegwerfen von Nahrungsmitteln war ein No-Go, Teller wurden leer gegessen.

Den Nahrungsmitteln Sorge zu tragen, nichts wegzuwerfen wurde meiner Nachkriegsgeneration eingeimpft. Ein wenig konnte ich mich davon über die Jahrzehnte lösen, aber nicht ganz. Deshalb muss ich ein Erlebnis der letzten Woche loswerden das unsere Wohlstandsgesellschaft und die Lobby der Nahrungsmittel Industrie einmal mehr in ein schlechtes Licht rückt.

Mein Sohn ist Künstler und ist dabei eine Ausstellung (www.milieu-digital.com) über Preppers zu zeigen. Zur Erklärung: in den USA gibt es unter anderem eine Serie Preppers – Bereit für den Weltuntergang (im Original: Doomsday Preppers). Die Preppers treffen Vorbereitungen um in einem Notfall zu überleben. Dazu gehören als wichtigstes ein griffbereiter Notfall-Rucksack mit Messer, Pistole, Gasmaske, Verbandskasten und Nahrungsmitteln mit dem die Chance besteht das Vorratslager und den damit verbundenen Schutzraum zu erreichen. Dort sind dann Vorräte, vorallem Lebensmittel, Wasser etc gelagert.

Für diese Ausstellung hat er sich bei einem Hersteller von Konservendosen eine grosse Anzahl leerer, aber geschlossener Weissblechdosen bestellt. Kurz vor der geplanten Anlieferung bekam er die Mitteilung, dass der Auftrag nicht ausgeführt werden könne. Natürlich bekam ich ein SOS Hilfsruf von meinem Sohn. Der Ausstellungsbeginn zehn Tage später war ja erschreckend nahe und keine Lösung in Sicht. Ich begann in meinem Bekanntenkreis jeden Anzurufen der irgend einen Kontakt zu Konserven besser Konservenbüchsen haben könnte. Dabei landete ich bei einem befreundeten Lebensmittel Importeur. Kaum hatte er unsere Sorgen angehört kam die Antwort: „Du rufst zum perfekten Zeitpunkt an lieber Bernhard. Wir haben eine grosse Menge an kürzlich abgelaufenen Dosen. Die kann dein Sohn haben, soviel er davon will denn wir müssen sie entsorgen.“

Hurra, Ausstellung gerettet. Die gesuchte Anzahl von über 1000 Grossbüchsen (3,5kg Füllgewicht) vorhanden. Transport zahlbar, doch Entsorgung, ein Problem? Sohnemann meinte das dürfte keines sein. Er kenne genug Personen in sozialen Einrichtungen die froh über den mehrheitlich aus Früchten bestehenden Inhalt wären. Abgelaufenes Verkaufsdatum heisst ja nicht verdorbener Inhalt. Solange die Büchse sich nicht aufbläht und kein Saft ausrinnt sollten Konserven geniessbar sein. Dies ist so – doch in Europa gilt der Handel oder das weitergeben der Büchsen auch an Hilfsorganisationen nach zwei Jahren oder dem Ende der Ablaufdaten als verboten.

Mein Sohn wird als rund 3000kg, vor allem Ananas, Fruchtcocktail und Tomatenpürée entsorgen müssen. 1A-Qualität, vermutlich problemlos weitere 10+ Jahre konsumierbar. Der Händler nochmals um einiges mehr. Verschenken verboten. Was für eine Idiotie, ich könnte schreien vor Wut.

29 Kommentare

  1. Verschenken verboten? Das irritiert mich total.
    Ich dachte bisher, die Tafeln leben gerade davon, dass Supermärkte Lebensmittel mit abgelaufenem MHD spenden.

    Welche Rechtsgrundlage hat denn dieses von Dir benannte Verbot der Weitergabe abgelaufener Konservendosen?

    Ich finde dies: http://www.lebensmittelklarheit.de/forum/mhd-abgelaufen
    Demnach gibt es keine Frist für den Abverkauf von Lebensmitteln mit abgelaufenem MHD, also kein Verkaufsverbot. Die Wikipedia bestätigt das: https://de.wikipedia.org/wiki/Mindesthaltbarkeitsdatum#Rechtliches
    Dazu eine Diskussion im Juraforum: http://www.juraforum.de/forum/t/abgelaufene-lebensmittel-verschenken-strafbar.441157/

    Vielleicht bist Du anders informiert als ich, was dieses Verbot angeht?
    Bin gespannt, Bernhard.

    1. Das mag sein, dass er als Gewerbetreibender entsorgen muss, was er nicht mehr in den Verkehr bringen darf. Näheres finde ich dazu jetzt auf die Schnelle nicht.

      Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es für Bürger verboten sein sollte, Lebensmittel zu verschenken, deren MHD überschritten ist.
      Die Tafeln arbeiten ja auch legal.

    2. Selbstverständlich darf ein Bürger diese Dosen verschenken. Das Problem liegt in der Menge, du brauchst soziale Einrichtungen mit Grossküchen um diese los zu werden. Sie dürfen es jedoch nicht annehmen.

  2. Er kann ja öffentlich ankündigen, dass er an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit frisch abgelaufene Konserven entsorgen muss weil er sie nicht verschenken darf – was er gerne würde – und dass er sich nicht daran stören würde, würden sie dann und dann von dem und dem Ort ‚gestohlen‘.
    LG und ich fühle mit dir, furchtbar!

    1. Also in Österreich läuft gerade eine Aktion gegen Lebensmittelverschwendung, ich glaube von Greenpeace. Vielleicht kommt bei euch noch eher was in Gange wenn die Publicity stimmt. Mein Eindruck ist zumindest, dass es bei euch tatsächlich auch mal möglich ist, Volkswillen durchzusetzen wenn das Thema stimmt. Wie auch immer, es ist eine Schande und ein Jammer, vor allem Dauerkonserven sind ja nun wirklich ewig haltbar – unabhängig vom MHD.
      Müde Grüße, Oli

    1. Nein, ich kannte den Film nicht. Aber ich weiss dass dies die Realität unserer Gesellschaft ist. An einem Beispiel selbst zu erfahren was für Mengen Essbares auf Befehl entsorgt wird macht es mir noch schwerer mit dem Bewusstsein um zu gehen. Vorderhand werde ich weiterhin versuchen unsere eingekauften Nahrungsmittel zu verkochen und auch zu essen.

  3. *seufz* Prinzipiell finde ich es ja gut, dass der Verbraucherschutz es uns erleichtert, im Supermarkt nicht gucken zu müssen, ob das Lebensmittel noch vollkommen so ist, wie der Hersteller es verspricht, es erste „Verfallserscheinungen“ zeigt oder am Ende der Verzehr nur nach eingehender Prüfung zu empfehlen wäre. Ich finde es auch gut, dass durch das MHD die Hersteller in die Pflicht genommen werden, für ihre Produkte bis zu einem gewissen Zeitpunkt die Garantie zu übernehmen, dass sie gut sind. Aber manchmal ist der Verbraucherschutz auch grässlich unflexibel.

    1. Den Zusammenhang verstehe ich nicht. Wieso fördert es den Verkauf, wenn der Handel mir als Verbraucher etwas nicht verkaufen darf?

    2. Aber es ist ja nicht so, dass der Verbraucher keinen Nutzen davon hätte. Damit dient es auch (Dialektik gibt es überall) dem Verbraucher und seinem Schutz. Eben dem Schutz, dass der Handel ihm keinen Joghurt andreht, der potentiell verschimmelt ist.

    3. Darum geht es nicht in meinem Text. Nur um die Tatsache dass unverdorbene
      Dauerkonserven nicht an Hilfsorganisationen abgegeben werden dürfen und Vernichtet werden müssen.

  4. Ich kenne das Problem leider sehr gut und habe auch schon über die Abfallidiotie in unserem Land geschrieben, aber als kleiner Tipp am Rand. Die Dosen auf Paletten vors Haus stellen und ein Schild daran befestigen diese bitte nicht mit zu nehmen, da das Haltbarkeitsdatum überschritten ist. Würde mich wundern, wenn die nach ein paar Tagen noch da wären.

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