FOOD KOLUMNE Nr.64 | Ich liebe Linda

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Während meinen Kieler Jahre als junger Mann konnte ich den Kartoffelhunger der Hohlsteiner nicht verstehen. Es gab damals zu allem Kartoffeln, beim Italiener zu Spaghetti und beim Griechen zum Moussaka. Ich glaubte die spinnen bis ich begriffen habe dass dem Kieler die Kartoffeln was uns Schweizern das Brot ist.

Bei meinem ersten Einkauf auf dem Kieler Wochenmarkt bat ich eine Bäuerin um Kartoffeln. „Was für welche denn junger Mann, ich habe hier 20 Sorten und sie müssen mir schon genauer sein.“ Aus der Schweiz gewohnt, dass es nur zwei Sorten gibt schaute ich sie fragend an worauf sie wieder losratterte: „Festkochende, Mehligkochende, Speckige, für Bratkartoffeln ja junger Mann nun sagen sie schon was es sein soll.“ Dies war meine erste Lektion in Sachen Kartoffeln. Ich lernte dass Kartoffeln nicht einfach Kartoffeln sind. Doch es dauerte noch eine ganze Anzahl Jahre bis sie mir wichtig genug wurden um für eine gute Sorte eine Reise anzutreten.

Viele Jahre später sass ich zusammen mit meinem besten Freund bei einer Flasche Wein, sprachen über Gott und die Welt und wen wunderts auch über das kochen und das Essen. Irgendwie wurden auch Kartoffeln ein Thema und ich konnte ihm Haargenau erzählen wo ich die besten meines Lebens gegessen hatte.

In der Nähe von Düsseldorf liegt die unglaubliche Museumsinsel Hombroich. Der Kunstsammler Karl-Heinrich Müller erwarb 1982 die Insel Hombroich, einen verwilderten Park an der Erft, und begann in Zusammenarbeit mit mehreren bildenden Künstlern seine Kunstsammlung in Ausstellungspavillons und im Dialog mit der umgebenden Natur zu präsentieren. Für die Planung der Gebäude gewann Müller den Düsseldorfer Bildhauer Erwin Heerich. Der Landschaftsarchitekt Bernhard Korte rekultivierte das Gelände zu einer Landschaft mit Parks, Auen und Terrassen. Die von Heerich entworfenen Gebäude wurden zu „begehbaren skulpturalen Architekturen.“ In einigen dieser Bauten ist die Kunstsammlung Karl-Heinrich Müllers untergebracht, darunter Werke von Hans Arp, Alexander Calder, Paul Cézanne, Eduardo Chillida, Lovis Corinth, Jean Fautrier, Alberto Giacometti, Yves Klein, Gustav Klimt, Henri Matisse, Francis Picabia, Rembrandt van Rijn, Kurt Schwitters, Kunst der Khmer und Kunstwerke aus dem frühen China. Es ist ein faszinierendes Museum über das ich gut und gerne stundenlang schwärmen kann. Jederzeit eine Reise wert, geht es besuchen wann immer ihr die Möglichkeit habt. In dieser Landschaft kann man sich über Natur und Kunst stundenlang erfreuen. Als wir hungrig wurden, suchten wir das Restaurant. Bedienungspersonal war keines zu sehen. Wir stellten uns zu dem auf der linken Seite aufgebauten Buffet das aus einfachen Gerichten aus der Gegend bestand. Pellkartoffeln, gekochte Eier, Grübenschmalz, Salate und rohes Gemüse. Wir begannen uns zu bedienen und so kam ich zum ersten Mal bewusst mit „Linda“ zusammen.

Zurück zur Weinflasche und meinem Freund. Ich labberte ihn mit eindrücken von diesem Museum voll. Und erzählte ihm von den unglaublichsten, dunkelhäutigen, dunkelgelben, speckigen, geschmackvollen und besten Kartoffeln meines Lebens. Ja, genau die damals auf Hombroich. „Weißt du welche Sorte, wie heisst das Museum, das müssen wir hinterfragen…“ sprudelte es aus ihm heraus. Eine Woche später kannten wir den Namen dieser Knollen:“Linda“, hatten eine Reise mit grandiosem Essen ins Elsass geplant, fuhren von dort weiter nach Deutschland um die bestellten Setzkartoffeln Linda abzuholen und machten uns auf die Rückreise nach Zürich. Mit einem Zwischenhalt in Basel bei einem befreundeten Biobauern. Er versprach uns unsere Lindas gegen ein kleines Entgelt zu pflanzen.

Ich hatte unsere Kartoffeln schon vergessen als mein Freund eines abends im Herbst bei uns hereinschaute. „Ich war in Basel und habe unsere Ernte mitgebracht.“ Sofort erschienen mir die wunderbaren Lindas vor meinem inneren Auge während wir vor die Türe traten. Dort lag ein kleiner Sack, mit traurigen, kleinen Kartöffelchen. Jämmerlich anzusehen. Nicht nur dass wir einen nassen Sommer hatten. Der Bauer hatte auch ein steiniges Feld gewählt mit lehmiger Erde. Mit der schweren fast schwarzen Erde in Hombroich kein Vergleich.

Wir haben nie mehr einen neuen Linda pflanz Versuch gestartet.

Unterdessen habe ich drei Gründe um immer mal wieder Hombroich zu besuchen: Eines der schönsten Museen dieser Welt, grossartige Kunst und Linda.

6 Kommentare

  1. 🙂 die Holsteiner werden sich freuen, dass du sie zu Hohlsteiner gemacht hast ..
    als Hesse müsste ich Kartoffeln lieben, aber ich bin kein grosser Fan davon, auch wenn es hier zig Sorten zur Auswahl gibt (aber Brot, was es ja auch in grosser Vielfalt gibt, mag ich auch nicht)

  2. Wie heißt es so schön? Liebe geht durch den Magen! Auch wir bauen unsere Kartoffeln selbst an, mit „wir“ist mein Schwiegervater gemeint und so ist er unser Kartoffelkönig. Dank des Vereinigten Königsreichs darf Linda seit 2009 in allen EU-Ländern angebaut werden, denn beinahe wäre die köstlich Linda wegen zu hoher Anfälligkeit verschwunden. Liebe Grüße.

  3. Eine herrliche Liebeserklärung an eine wirklich großartige Kartoffelsorte. Sehr schön zu lesen. Ich wünsche ein schönes Wochenende. 🙂

  4. Schöne Geschichte und ich kann Dich verstehen, Linda bauen wir auch jedes Jahr an und nirgends schmeckt sie so gut wie vom eigenen Land. Gut, bei Dir dann aus Hombroich.
    Mittlerweile werden, so glaube ich, auch in Holstein mehr Nudeln gegessen als Kartoffeln. Tja …
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Oli

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