Food Kolumne Nr.70 | Wir sind keine Affen

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Aufgewachsen in den 50er-Jahren war der Sonntag noch etwas sehr spezielles. Wir haben die besten Kleider angezogen, der Mittagstisch wurde weiss gedeckt und meine Mutter hat aufwändig gekocht. Meist war es der einzige Tag in der Woche an dem Fleisch auf den Tisch kam. Ja, das Sonntagsessen wurde zelebriert und ganz wichtig – die Familie hatte beieinander zu sein.

Ach, als jüngster in der Familie hatte ich den Tisch zu decken, den Wein aus dem Keller zu holen, meiner Mutter an die Hand zu gehen und die Speisen auf zu tragen. Wehe wenn das Besteck nicht genau gleichmässig, im rechten Winkel zur Tischkante ausgerichtet war. Wehe wenn die Gläser nicht exakt bei jedem Platz gleich hingestellt wurden. Wehe wenn der Plattenwärmer nicht eingeschaltet und die Teller nicht vorgewärmt waren. Wir waren eine einfache Familie doch alles hatte wie an einem feinen Ort aus zu sehen. Die Kerzen standen in der Mitte des Tisches und ihr Licht spiegelte  im Silber vom Besteck und im Glanz der Kristallgläser.

Es war der Stolz meiner Mutter und sie gab auch ihr bestes dass das Essen auf hohem Niveau gekocht war. Angerichtet meist auf grossen Platten, servierte sie uns die von ihr zu bereiteten Köstlichkeiten. Wir konnten es kaum erwarten bis alle Teller gefüllt und damit das Startzeichen  mit dem Wunsch „Guten Appetit“ gegeben wurde.

Logisch dass nur das Sonntagsessen wirklich Spass gemacht hat. Alles andere, Kerzenstöcke, Stofftischtuch, das gestelzte Benehmen, also dieses ganze Drumherum war für mich als jugendlicher eine Tortur. Als „Kind“der 60er-Jahre habe ich mich einige Jahre später an der Zerstörung solcher alten Zöpfe fleissig beteiligt. Nicht’s war uns heilig. Dieses Theater war nicht mehr zeitgemäss, hatte keinen Platz in unserer jungen Welt des Beat und Rock’n Roll.

Doch schon beim Zusammenleben mit meiner ersten Freundin machte ich die ersten Schritte zurück. Ein schön gedeckter Tisch war plötzlich wieder erstrebenswert. Kerzenstöcke bekamen eine unbeschreibliche Wichtigkeit. Riedel-Gläser wurden ein „Must have“ genau so wie Blumen auf dem Tisch. Auch der Gang ins Restaurant führte plötzlich wieder am Kleiderschrank vorbei. Weg mit den Jeans, Hosen mit Bügelfalten angezogen und Krawatte umgehängt.

Und heute, viele Jahrzehnte später kann ich mich sogar über junge Menschen nerven die sich schlampig (am schlimmsten sind Trainerhosen) an den Tisch setzen. Heute muss auch bei einem schnellen Mittagslunch der Tisch vernünftig aussehen. Am Abend sowieso, da dürfen Kerzen brennen und Vivaldi im Hintergrund laufen. Dies ist – wie ich später feststellte – ein Teil unserer Kultur die uns vom Affen unterscheidet.

9 Kommentare

  1. Den ersten Teil kann ich gut nachvollziehen: Das Eß-Ritual als Plage, danach und u.a. auch deshalb der Ausstieg. Im Wald-Refugium hab ich dann manchmal ein rohes Ei weggeschlürft, weil ich zu faul zum Kochen war. Nicht folgen kann ich der Restauration des Tisch-Theaters, und ich sehe einen direkten Zusammenhang mit dem Gewichts-Problem. Wer Essen zelebriert und aus Genuß ißt, hat sehr schlechte Chancen, schlank zu bleiben oder zu werden. Nahrungsaufnahme sollte so funktional wie bei den gesunden Affen bleiben, die Gewichts-Probleme höchstens im Zoo bekommen, der das urbane Leben wiederspiegelt. Es ist absolut unbedeutend, was man für Hosen beim Essen anhat.

  2. ….und was mache ich bitte mit Prof. Mundl mit seinem Unterleiberl?? Und einen Adidas-Trainingshosenträger habe ich auch immer zu Tisch…..du siehst, ich bin gaaanz arm! 😉

  3. Das macht dann such den Unterschied zwischen Essen zelebrieren oder einfach in sich reinstopfen 😉 Schöne Sunntig oi allne!

  4. In unserer schnellen, ritualarmen Zeit legen auch wir zum Glück wert auf ein reglemässiges, schönes, gemeinsames Essen, wenigstens einmal Inder Woche. Das ist Zeit die wir miteinander verbringen. Ich kenn das auch von zu Hause. Der schön gedeckte Tisch. Grüsse Kat.

  5. Das einzig unwichtige wenn ich Gäste habe ist ihre Kleidung, weil ich zwar anerkenne, dass Menschen sich bei Einladungen schick präsentieren wollen, aber für mich ist wichtiger, dass sie sich wohl fühlen, ob in Jeans oder eben feiner angezogen. Den Tisch decke ich immer gut ein und die Speisen werden nie lieblos auf den Teller geworfen, die 30 Sekunden nehme ich mir gerne Zeit 🙂

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