FOODKOLUMNE NR.93 | GLÜCKLICHER GEHT NICHT

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In meinen 30 Jahren als Unternehmer war mir die Ausbildung von Lehrlingen ein wichtiges Anliegen. Da diese sich aus finanziellen Gründen meist im Betrieb verpflegten hatten wir dafür einen Raum bereitgestellt. Ab und an setzte ich mich dazu und ärgerte mich immer von neuem über die Kid’s und die Art und Weise ihrer Nahrungsaufnahme. Sie frassen das meiste aus den eingekauften Plastiktüten, aus Papiersäcken und mit gebrachten Tupperware. Keiner und Keine hielt es für nötig sein Essen auf einem Teller an zu richten. Man hätte ja etwas abwaschen müssen. Getrunken wurden die üblichen zuckerhaltigen Getränke, natürlich immer aus der Flasche. Es war für mich ein No Go der Extraklasse. Schlechtes Essen und Zero Esskultur. Darüber sprechen und etwas verbessern wollten sie nicht. Ich war einfach der alte Sack der nur nervte. Als in den 90er Jahren die Mac’s zu unserem Arbeitswerkzeug wurden hatten wir den nächsten Streit. Ich verlangte Mittagspausen ohne Computer, denn ich wollte eine richtige Pause und Tastaturen ohne Sauce und Krümmel. Chancenlos ….! Auch der Vorschlag ich würde für alle Kochen stiess auf taube Ohren. Ich gab auf.

Erst als sich der Betrieb verkleinerte, ergab sich durch das Weight Watchern eine neue Chance und wie in “About” erklärt wurde das Mittagessen zu einer angenehmen, von allen geschätzten Institution.

Manchmal habe ich auch in ein Restaurant eingeladen. Da wussten sich immer alle sehr gut zu benehmen. Den jungen Männern konnte ich kaum genügend Essen bestellen, Sie schaufelten riesige Mengen in sich hinein und es blieb nie etwas übrig. Am lustigsten war Achille. Er wuchs in einem Pfarrhaus mit zwei Brüdern auf und hatte immer Angst jemand würde ihm etwas wegessen. So hatte er seinen Teller immer leer bevor wir andern richtig begonnen hatten. In einem Lokal bestellte er grundsätzlich Cordon Bleu. Es waren riesige Dinger, dick mit Schinken und Käse gefüllt. Der junge Mann schnitt diese in drei Stücke von geschätzten 120g die er sich irgendwie in seinen Mund zwängte und verschlang sie in höchsten einer Minute. Er tat mir leid und ich bestellte ihm immer eine zweite Portion.

Vor kurzem, etwa 10 Jahre später verabredete ich mich mit ihm um mein Lieblingslokal zu besuchen. Was für eine Freude, als ich feststellte wie wichtig ihm Essen und Weine unterdessen geworden sind. Sein Appetit war immer noch riesig doch aus dem Fresser war ein Geniesser geworden der jeden Bissen genussvoll kaute, sich bewusst über die Zutaten Gedanken machte. Als ich ihn fragte wie es denn schmecke strahlte er mich an und murmelte: “Glücklicher geht nicht.” Er bestand darauf mich einzuladen wobei er wieder murmelte: ”Endlich, das wollte ich schon lange tun.”

Übrigens, er machte mich an dem Abend auch sehr glücklich.

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